Auf den Tag genau 75 Jahre nach ihrer Gründung feierte die Fechtabteilung des TSV Tettnang ihren runden Geburtstag. Am 11. Juli 1951 hatten neun Mitglieder im Saal des Bären die Abteilung gegründet, erster Abteilungsleiter war Herman Gassner. 75 Jahre später begrüßte der inzwischen zehnte Abteilungsleiter Wilhelm Neumeister fast 90 Mitglieder und Gäste in der festlich geschmückten Stadthalle.
Schon der Stehempfang machte dem modernen Begriff „Come together“ alle Ehre. Mitglieder, ehemalige Fechter, Verbandsvertreter, Presse, Gäste und Laudatoren nutzten die Gelegenheit zum Wiedersehen und Erinnern. Unter dem Motto „Gestern – Heute – Morgen“ führte Neumeister anschließend durch die Geschichte der Abteilung und dankte allen, die in den vergangenen 75 Jahren zum Vereinsleben beigetragen haben. Sein besonderer Dank galt dem Organisationsteam Björn Biehler, Pamela und Werner Künk, Paul Stohr und Nadine Eberle und den Trainern Marco Birkenmaier, Noel Rilling und Alexander Neumeister sowie den zahlreichen weiteren Helfern. Für einen besonderen Moment sorgten die übermittelten Glückwünsche des DFB-Präsidenten Benjamin Denzer und des IOC-Ehrenpräsidenten Dr. Thomas Bach. Neumeisters Kommentar dazu: „Wir sind Tettnang – damit war nicht zu rechnen.“
Geschichte wird lebendig
Danach wurde aus dem Festakt kurzerhand eine Fechtvorführung – und die Planche rückte ins Rampenlicht. Den Auftakt machte der Säbel, der in Tettnang von den Anfangsjahren bis in die frühen 2000er-Jahre gefochten wurde. Zwei vollständig maskierte Fechter zeigten zunächst historisches Säbelfechten – mit Seitenrichtern und Hauptschiedsrichter, aber ohne elektronische Trefferanzeige. Die bewusst humorvolle Darstellung erinnerte daran, dass Trefferentscheidungen früher durchaus Interpretationsspielraum boten.
Anschließend hielt die Moderne Einzug: Elektronische Trefferanzeige, rasante Hiebe und Stiche zeigten, warum der Säbel bis heute zu den spektakulärsten Fechtwaffen gehört. Wer unter den silbernen Masken steckte, blieb dabei wie bei schwarzen Rittern ein Geheimnis.
Auch der Degen durfte als früher in Tettnang beliebte olympische Waffe nicht fehlen. Tettnangs Cheftrainer Marco Birkenmaier, selbst Degen-Spezialist beim VfB Friedrichshafen, und Jakob Huchler vom Vorarlberger Landeszentrum in Dornbirn lieferten sich ein hochklassiges Gefecht. Weil beim Degen Treffer auf den gesamten Körper zählen und auch Doppeltreffer gewertet werden, wurde jede Attacke akribisch vorbereitet. Nach ausgeglichenem Gefecht ging es in die Verlängerung. Dann fiel der entscheidende Treffer zum 10:9 – und die Spannung entlud sich in donnerndem Applaus.
Florett als Tettnanger Paradewaffe
Das große Finale der Fechtvorführungen gehörte schließlich dem Florett. Marie-Sophie Dannenmann und Johann Fritz vom TSB Schwäbisch Gmünd, Antonio Kiel vom PSV Stuttgart sowie Sara Ihln, Sabrina Eberhard, Julia und Alexander Neumeister und Noel Rilling vom TSV Tettnang waren allesamt für den Landesverband Württemberg bei den Deutschen U20-Meisterschaften in Buchholz angetreten. Gemeinsam boten sie den Gästen eine besonders dynamische Partie. Beim Florett gilt das Treffervorrecht für den Angreifer beziehungsweise nach erfolgreicher Abwehr. Das führt zu einem Fechten, bei dem deutlich mehr riskiert wird. Genau das taten die jungen Fechterinnen und Fechter. Angriff auf Angriff, Paraden und Gegenaktionen sorgten beim Publikum für Beifall und manches Raunen.
Gold für das Ehrenamt
Nach dem sportlichen Teil standen diejenigen im Mittelpunkt, die den Verein abseits der Planche am Laufen halten.
Eveline Leber, Präsidentin des Sportkreises Bodensee, überreichte Werner Künk die WLSB-Ehrennadel in Bronze für seinen langjährigen Einsatz bei Turniertechnik und Instandsetzungsarbeiten. Rudolf Künstler erhielt den WLSB-Ehrenbrief in Gold für sein langjähriges Ehrenamt als „Seniorenwart“.
TSV-Geschäftsführer Alexander Gnoss zeichnete Claudia Neumeister mit der TSV-Ehrennadel in Bronze aus. Sie engagiert sich unter anderem für die Cafeteria, die Vereinsfechtkleidung und die Pressearbeit. Eine Überraschung gab es auch für Abteilungsleiter Wilhelm Neumeister: Stellvertreter Dr. Björn Biehler bedankte sich im Namen der Mitglieder und überreichte ihm einen Geschenkkorb.
Freundschaft über die Planche hinaus
Die Verbundenheit der Fechter über die Region hinaus wurde in den Grußworten deutlich. Martin Harzenmoser, Präsident der Internationalen Bodenseefechterschaft, betonte die enge Gemeinschaft der Fechtenden rund um den Bodensee. Gerhard Birkenmaier vom VfB Friedrichshafen unterstrich die gelebte Freundschaft mit einem eigens angefertigten „Grilldegen“. Maître Edouard Starzynski von der befreundeten Fechtschule im schweizerischen Flawil würdigte das vorbildliche ehrenamtliche Engagement in Tettnang. Sein Geschenk, ein Eineinhalbhänder-Schwert, wird künftig als „Ehrenamts-Challenge“ jährlich an besonderes Engagement erinnern.
Der Weg ins Morgen führt in die Manzenberghalle
Doch ein Jubiläum mit dem Motto „Gestern – Heute – Morgen“ darf natürlich nicht bei der Vergangenheit stehen bleiben. Also wurde der Programmpunkt „Der Weg ins Morgen“ kurzerhand wörtlich genommen. Die Vorstände der Fechtabteilung forderten die Gäste auf, gemeinsam mit ihnen in die neue Manzenberghalle aufzubrechen – die künftige Trainingsstätte und neue Heimat der Fechterinnen und Fechter.
Die neue Sporthalle überzeugte durch ihre klare, funktionale Gestaltung. Für die Fechtabteilung besonders erfreulich: Auf dem Hallenboden sind bereits Fechtbahnmarkierungen vorhanden. Die auf Landes- und Bundesebene erfolgreiche Jugend kann damit künftig unter Bedingungen trainieren, die auch bei offiziellen Wettkämpfen vorzufinden sind. Spielzüge und Aktionen lassen sich auf den vorgesehenen „Spielfeldern“ gezielt einstudieren.
Wie modern die Zukunft aussehen kann, demonstrierten die U13-Fechter Zoe Stratkemper, Emma Straub, Niclas Künk und Jonathan Rebholz mit dem neuesten CALIBUR-WireLess-Treffersystem. Ganz ohne Kabel zeigte der Nachwuchs, wohin die Reise geht.
Zurück in der Stadthalle übernahm die Jugend mit einem „Wer weiß denn sowas?“-Spiel über die Geschichte der Fechtabteilung endgültig das Zepter. Erst zu später Stunde war Schluss. Vorstand und Jugendvertreter schlossen gemeinsam die Stadthalle ab.
75 Jahre Fechtabteilung in Tettnang – drei Viertel eines Jahrhunderts voller Engagement, Freundschaft und sportlicher Erfolge. Die Bilanz lässt sich treffend in Fechtersprache ziehen:
Das war ein eindeutiger Treffer. Und müde ist die Abteilung noch lange nicht.